Stefan Scheller: „Das Duzen in Stellenanzeigen hat recht schleichend überhandgenommen“

Stefan Scheller: „Das Duzen in Stellenanzeigen hat recht schleichend überhandgenommen“

09.02.2020

Es gibt einige Möglichkeiten, wie Arbeitnehmer an nützliche Informationen kommen können, wenn es an der Zeit ist, eine neue berufliche Etappe anzupeilen:

Wer eine Stellenanzeige liest, tut dies in erster Linie, um sich zu informieren, wer gesucht wird. Dabei kann der Leser dank seiner Lektüre – und lange vor einem Vorstellungsgespräch – auch einen ersten Eindruck gewinnen, wie die Firma tickt, die da vor seinen Augen eine Arbeitskraft anzuwerben sucht. Wir haben „Persoblogger“ Stefan Scheller gefragt, was man aus einer Stellenanzeige herauslesen kann – und veröffentlichen seine Antworten in loser Reihenfolge an dieser Stelle.

Stefan Scheller

Herr Scheller, nun enthalten Stellenanzeigen bisweilen auch irritierende Elemente. Lassen Sie uns einige ansprechen. Bekommt zum Beispiel ein Arbeitnehmer 40 plus bei einer Firma, die in Stellenanzeigen hartnäckig duzt, jemals ein Bein auf den Boden?
Das Duzen in Stellenanzeigen hat recht schleichend überhandgenommen. Grund dafür ist die Annahme, dass ein „Du“ sympathischer, moderner und vielleicht auch cooler klingt als das förmliche „Sie“. Es ist allerdings oft nur der klägliche Versuch, auf einer Trendwelle rund um den Begriff (nicht das Konzept!) New Work mitzuschwimmen. Meine klare Haltung dazu: Duzen in Stellenanzeigen geht nur, wenn auch die weiteren Kontaktpunkte, wie die Rückmeldung durch die Personaler oder Vorstellungsgespräche, auf Du-Basis ablaufen. Vielmehr noch: Dass die Unternehmenskultur tatsächlich von sich aus das „Du“ trägt und keine künstliche Einflussnahme erfolgt, sei es über das Management, das Marketing oder auch den Personalbereich. Insofern würde ich nicht sagen, dass nur ein Arbeitnehmer 40 plus darüber stolpern könnte. Das geht bei allen Bewerbern nach hinten los, wenn Versprechen und Wirklichkeit nicht zusammenpassen.

Firmen neigen mitunter dazu, sich zu verstecken. Kann eine Arbeitsatmosphäre wirklich offen sein, wenn mir in einer Stellenanzeige weder Ansprechpartner noch E-Mail- oder Post-Adresse genannt werden und ich stattdessen auf ein Online-Bewerbungsportal verwiesen werde?
Da bin ich ein wenig zwiegespalten. Generell würde ich mir wünschen, dass Personalabteilungen es schaffen, Bewerbern zahlreiche Kanäle – insbesondere für Rückfragen – zu öffnen. In der Praxis gibt es allerdings häufig prozessuale Restriktionen. Diese können strategisch gewollt (keine Papierbewerbungen mehr) bzw. technischer Natur sein (Anbindung an bestimmte Systeme zur Weiterverarbeitung) oder auch aufgrund rechtlicher Erwägungen erfolgen. Letzteres ist beispielsweise der Fall, wenn persönliche Daten außerhalb von gesicherten und automatisiert löschbaren Systemen gehalten werden. Dann ist eine korrekte Umsetzung von Regelungen wie der DSGVO oder dem Bundesdatenschutzgesetz erschwert.
Das Nichtnennen von persönlichen Ansprechpartnern hängt zudem oft von den internen Prozessen ab. Daraus sofort auf eine generell nichtoffene Unternehmenskultur zu schließen, ist zwar eine populäre Behauptung von Beratern. So weit würde ich allerdings nicht gehen.
Umgekehrt schotten sich natürlich Personalabteilungen aus eher bürokratischen Unternehmen deutlich häufiger auf diese Weise ab als Unternehmen, die auch mit einer offenen Social-Media-Kommunikation glänzen. Das stimmt insoweit.

Wie sieht es mit den Anforderungen aus: Ständig wird uns aufgetischt, dass Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Initiative und Zuverlässigkeit unabdingbar seien. Was sagt mir das als Bewerber?
Das sind vermutlich heute die generell vorausgesetzten Eigenschaften für alle möglichen Arten von Jobs. Sie wirken nicht wirklich differenzierend und taugen nicht zur Selbstselektion, also zur Beantwortung der Frage, ob ich als Bewerber tatsächlich geeignet wäre. Außerdem ist mir in all den Jahren im Unternehmen noch nie ein Bewerber untergekommen, der sich als nicht teamfähig angesehen hätte. Und da reden wir noch nicht vom Thema Arbeitspräferenz, also, ob ich gerne lieber allein arbeite oder im Team.

Stefan Scheller betreibt auf Persoblogger.de eines der bekanntesten deutschsprachigen Portale für HR-Praktiker mit durchschnittlich 45.000 Lesern monatlich. Dort schreibt er kritisch zu den Themen Personalmarketing, Recruiting, Employer Branding, der Digitalisierung von HR sowie über aktuelle Personaler-Trends. Neben Experten-Beiträgen weiterer Fachautoren finden Leser dort alle wichtigen HR-Veranstaltungen im DACH-Raum sowie ihren neuen HR-Job.

Das vollständige Interview ist auch Teil des job40plus-Ratgebers „Der Wegweiser für erfahrene Arbeitnehmer“. 

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