Sabine Hildebrandt-Woeckel: „Frauen sind noch immer zu bescheiden!“

Sabine Hildebrandt-Woeckel: „Frauen sind noch immer zu bescheiden!“

28.03.2019

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Janna Hagedorn:
Geburtstage sind noch lange kein Grund, älter zu werden (dafür schlauer, schöner und charmanter)
Hamburg: Eden Books, 2019
256 Seiten, 12,95 Euro
ISBN 978-3-95910-225-4

 

Für ihr brandneues Buch über das Leben von Frauen jenseits der 40 interviewte die in Hamburg lebende Autorin Janna Hagedorn auch Sabine Hildebrandt-Woeckel, Inhaberin von job40plus. Wir geben das Interview (S. 141–146) mit freundlicher Genehmigung wieder.

 

Als Gerade-noch-nicht-40-something gründete die Münchner Wirtschaftsjournalistin und vierfache Mutter Sabine Hildebrandt-Woeckel vor über zwanzig Jahren gemeinsam mit der Personal- und Karriereberaterin Christine Schretter die erste Jobmesse Deutschlands, die sich nicht nur an Studenten und Einsteiger richtete. Ihr Konzept haben die beiden im Verlauf langer Jahre immer wieder modifiziert und sich 2011 unter dem Label „job40plus“ ausschließlich auf die Vermittlung von erfahrenen Fachkräften spezialisiert. Seitdem ihre Geschäftspartnerin 2016 krankheitsbedingt ausscheiden musste, führt Sabine Hildebrandt-Woeckel das kleine Team allein. Sechs bis acht Mal jährlich finden die Messen an verschiedenen Orten in Deutschland statt, zum Beispiel in Hamburg, München, Stuttgart und Köln, unter den Ausstellern große Namen wie BMW, Audi und Bosch, im Publikum mehrere Hundert Jobsuchende ab vierzig. Was sagt die Expertin zum Thema Frauen, Karriere und Lebensmitte?

Sie konzentrieren sich mit Ihrer Jobmesse und Kontaktbörse „job40plus“ auf ältere und erfahrene Bewerber und Bewerberinnen. Neigt sich der Jugendwahn in deutschen Firmen dem Ende zu?

Sicher, der demographische Wandel ist überall spürbar, und die Unternehmen können ältere Bewerber nicht mehr so einfach vernachlässigen. Allerdings passiert dieses Umdenken langsam. Das liegt nicht nur an der Führungsriege, auch an den Personalreferenten und -referentinnen, die die Vorauswahl der Bewerber treffen. Das sind Einsteigerpositionen, die Leute sind also häufig zwischen 25 und dreißig, und allein aufgrund ihrer eigenen Perspektive sortieren sie oft vorschnell die Unterlagen von Leuten aus, die ihre Eltern sein könnten. Wer will es ihnen verdenken, in dem Alter findet man Menschen über vierzig ja uralt und hält sie tendenziell für unfähig. Dazu kommt: Wenn die Budgets gerade knapp sind, dann werden auch häufig jüngere Bewerber bevorzugt, weil sie weniger kosten und dabei formbarer sind.

Und eine Jobmesse hilft, diese fiese Vorauslese zu umgehen?

Genau. Sonst bleibt auch qualifizierten Bewerbern in vielen Branchen nichts anderes übrig als zu warten, bis endlich der Headhunter anruft.

Stehen Männer und Frauen im mittleren Alter vor ähnlichen Herausforderungen bei der Jobsuche oder gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Eigentlich nicht. Bis auf das Thema „Babypause“ – es kann für die Frauen problematisch werden, wenn sie zu lange ausgesetzt haben. Eine kürzere Familienauszeit ist dagegen völlig okay, die nehmen sich ja auch Männer heute zunehmend. Personaler sehen es eher als Vorteil, wenn das Thema Familiengründung bereits abgeschlossen ist und die Kinder gut untergebracht sind.

So richtig lange Babypausen gibt es heute aber doch zunehmend weniger, oder?

Das stimmt, Frauen steigen heute generell deutlich früher wieder in den Job ein als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Problematisch ist, wenn eine Frau spät Kinder bekommen hat, dann für lange Jahre aussetzt und mit über fünfzig versucht, wieder in ihrem alten Bereich Fuß zu fassen. So hart es ist, solche Bewerberinnen sind kaum vermittelbar.

Dabei ist es ja nicht so, dass man während einer Familien-Auszeit nicht auch Kompetenzen und Erfahrungen sammeln würde – so als Managerin eines gutgehenden, kleinen Familienunternehmens ...

Klar ist das Alltagsleben mit Kindern per se fordernd, aber das ist doch kein Vergleich zu Müttern und auch manchen Vätern, die zu gleichen Teilen Job und Familie wuppen. Das ist echter Organisationsaufwand, damit kann man auch bei möglichen Arbeitgebern punkten, und dann kann man ruhig erwähnen, wo und wie man sich in den ersten Jahren außerdem noch engagiert hat, zum Beispiel im Elternrat oder im Fußballverein.

Wenn Sie sich die Bewerber auf den Jobmessen anschauen: Fehlt Frauen im Vergleich zu Männern nach wie vor das Selbstbewusstsein oder ist das ein Klischee?

Doch, das beobachten wir häufig, vor allem beim Bewerbungsunterlagencheck. Es ist nur leicht überspitzt, wenn ich sage: Die Frauen kommen und fragen, wie sie ihre Mappen verbessern können, dabei sind die ohnehin meistens gut, weil sie sich vorher informiert haben, worauf es ankommt. Die Männer kommen an und wollen hören, dass alles so gut ist. Und wenn wir sie darauf aufmerksam machen, was nicht optimal ist, dann diskutieren sie eine Stunde und lassen hinterher alles so, wie es ist.

Das Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten, vor allem die beruflichen, sitzt bei vielen Frauen offenbar sehr tief. Was ist Ihr Rat, um selbstbewusster zu werden?

Auch wenn es vielleicht seltsam klingt: Sich nicht zu sehr auf Beratungen zu verlassen, und vor allem nicht versuchen, es allen recht zu machen. Nichts gegen Coaching, im Gegenteil, aber Frauen neigen auch dazu, sich mehrere Meinungen einzuholen und versuchen dann, alle Ratschläge gleichzeitig zu befolgen. Das macht unauthentisch. In dem Punkt können Frauen sich eine Scheibe von Männern abschneiden: einfach mal eine Entscheidung treffen, und dann auch dazu stehen.

In Zeiten der Online-Allgegenwart liebäugeln ja immer mehr Menschen mit dem Thema Selbständigkeit, weil das Internet es sehr viel leichter macht, sich ein Business aufzubauen, ohne allzu viel Geld in die Hand zu nehmen. Ist das eine ernst zu nehmende Alternative zur Festanstellung?

Da wäre ich vorsichtig, obwohl ich ja selbst mehrfach gegründet habe. Zum einen wird es Frauen immer noch schwerer gemacht als Männern, auch deshalb, weil sie zu wenig selbstbewusst sind, um offensiv Geld zu sammeln für eine Firmengründung. Zum anderen, speziell was das Thema Internet angeht: Es mag zwar vordergründig einfacher scheinen, sich zum Beispiel einen Online-Shop aufzubauen – aber einen Kundenstamm hat man dadurch noch lange nicht, das ist nicht einfacher als offline. Nicht viele können davon wirklich leben. Von den anderen Herausforderungen ganz abgesehen: keine Sozialversicherung, Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt, Schwierigkeiten bei der Kreditvergabe, und für den Fall, dass man durch längere Krankheit ausfällt, ist man auch nicht abgesichert. Das wird ja leider mit zunehmendem Alter eher mehr als weniger.

Würden Sie denn Ihre berufliche Selbständigkeit wieder eintauschen wollen?

Das nicht, weil für mich die Vorteile überwiegen, aber man muss auch der Typ dafür sein. Ich muss schon immer wieder kämpfen. Zum Beispiel gegen Herablassung: Während Männer in meinem Alter eher als seriöse, kompetente Typen betrachtet werden, wird eine Frau von über fünfzig leider weniger ernst genommen – oder behandelt wie die Assistentin, obwohl sie die Chefin ist. Das ist ein tiefsitzendes gesellschaftliches Modell.

Was tun Sie dagegen?

Die wirklich schlagfertigen Bemerkungen fallen mir leider immer erst Stunden später ein – da bin ich typisch Frau. Aber ich habe auch gelernt, dass bestimmtes weibliches Verhalten nicht zuträglich ist. Früher haben meine Geschäftspartnerin und ich zum Beispiel immer beim Messeaufbau mit angepackt. Auch so ein Frauending, man ist sich für nichts zu schade. Bis wir gemerkt haben, dass es uns schadet, wenn wir am Anfang als Aufbauhelferinnen wahrgenommen werden und später erst als die Chefinnen der Veranstaltung.

Und wie machen Sie es jetzt?

Jetzt versuche ich, erst dann mit Businesskostüm und Namensschildchen dazuzukommen, wenn alles fertig vorbereitet ist. Klappt leider nicht immer.

 

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